Marlen Haushofer – Wir töten Stella

Nachdem ich die Diplomarbeit einer Freundin Korrektur gelesen habe, in der sie auch über das Buch „Die Wand“ von Marlen Haushofer geschrieben hat, überkam mich das Verlangen wiedermal eine neue Autorin auszuprobieren. Ich bin dabei immer skeptisch, weil mich Bücher sehr oft enttäuschen und weniger oft begeistern. „Die Wand“ kannte ich aus einem Schulreferat, doch selbst gelesen habe ich es nie. Die gewählten Zitate in ihrer Diplomarbeit wirkten auf mich jedoch ungeheuer inspirierend; Inspiration ist ja etwas, was man immer gebrauchen kann, weshalb ich beschloss mir einige Bücher von Marlen Haushofer zuzulegen und ihnen eine Chance zu geben.

Gestern habe ich also, vor dem Schlafengehen – ganz klassisch -, mit „Wir töten Stella“ begonnen. Diese Novelle, mit ihren nicht mal hundert Seiten, wurde heute früh von mir zu Ende verschlungen und ich habe es nur deshalb gestern nicht mehr geschafft, weil mir vor Müdigkeit (nicht vor Langeweile) leider die Augen zu schwer wurden. Ich bin sehr froh, denn dieses Buch hat mich nicht enttäuscht.

Es handelt von einer Frau und Mutter in einer klassichen Familienkonstellation: Mutter, Vater, Tochter und Sohn. Der Vater bringt das Geld (nicht wenig) nach Hause, die Kinder sind brav und artig, doch die Mutter quält sich. Vor einiger Zeit haben sie die Tochter einer Freundin, die eigentlich keine Freundin ist, für ein Jahr in ihr Haus aufgenommen. Doch dieses Mädchen – Stella – stört.

Erzählt wird aus der Perspektive der Mutter, die ihr Verhältnis zum Mann und ihren Kindern offenlegt und sich als unfähig zeigt eine Beziehung zu Stella aufzubauen. Während man zu Beginn noch nicht recht weiß wieso es ihr so unglaublich schwer fällt, lässt sie nach und nach in ihrer Erzählung ihr Unvermögen erkennen sich gegen den Mann zu wehren, der ihr zwar keinen offengelegten Grund zur Wehr, jedoch durch subtile Machtausübung und Autoritätsausstrahlung ein Gefängnis aus Zuneigung und Wärme bietet, welches sie dankbar annimmt, obgleich ihr ihre Austauschbarkeit bewusst ist. Austauschbar ist vielleicht das falsche Wort, da sie sich sicher ist, er – Richard – wird sie niemals verlassen, aber dennoch weiß sie ebenso sicher, dass sie ihm nicht genug ist.

Im Endeffekt ist es allerdings kein „Wir“, das Stella getötet hat, sondern ein „Ich“: nämlich sie selbst, die schlicht und einfach bloß tatenlos aus dem Fenster sieht.

Fasziniert hat mich an diesem Buch, abgesehen von der Art, dem Stil, indem Marlen Haushofen schreibt und beschreibt, die Sicht einer Frau, aus solcher im Allgemeinen sehr selten berichtet wird. Es ist die Frau, die bei ihrem Mann bleibt und sich absichtlich quält, obwohl sie bereits erkannt hat, dass die Beziehung nicht das ist, was sie realistisch betrachtet sein könnte. Sie bleibt auch nicht wegen der Kinder bei ihm, sondern einfach, weil sie ihn nicht verlassen kann. Sie ist unfähig. Und diese Unfähigkeit, Machtlosigkeit über das eigenen Handeln, leben entgegengesetzt der Gedanken wird hier außerordentlich gut beschrieben. Man versteht diese Frau.

Es ist weder ein Liebesroman, noch ein Psychothriller. Es ist nicht einordenbar und das macht ein Buch für mich gelungen.

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