Marlen Haushofer – Das fünfte Jahr

In dem netten Büchlein des List-Verlags ist nicht nur die Erzählung von „Wir töten Stella“ sondern auch noch die zweite Novelle „Das fünfte Jahr“ enthalten, die ich heute fertig gelesen habe.

Ich muss zugeben, dass ich einige Male unterbrechen musste, da mir das Lesen einige Gefühlswallungen beschert hat. Marlen Haushofer beschreibt hier tatsächlich sehr nah wie die Welt aus der Sicht eines kleinen Kindes aussieht. Diese Art das Leben zu erleben, zu beobachten und zu fühlen ist sehr stark in meinen Kopf eingedrungen. Ich fühlte mich an sehr vieles aus meiner eigenen Kindheit erinnert, als die Welt noch so riesengroß schien, dass man dachte kein Mensch würde alle Länder der Erde kennen. Bis man zum ersten Mal einen Globus sieht und danach denkt, dass man doch niemals alle Länder erreichen kann, bis man zum ersten Mal ein Flugzeug sieht usw. Diese kindliche Konstruktion der Welt ist Marlen Haushofer in dieser Novelle außerordentlich gut gelungen.

Beschrieben wird das fünfte Jahr des Mädchens (mit dem entzückenden Namen) Marili. Marili wächst bei ihren Großeltern am Land auf, da ihre Eltern verstorben sind. Die Welt wird aus den Augen einer Vierjährigen wirklich treffend beschrieben. Man wird an Gedankenmuster und Verhaltensweisen, ja sogar Gefühle erinnert, die selbst als kleines Kind in einer ähnlichen Form erlebt wurden.

In Marilis Welt lebt alles und kann sich in guter wie auch in böser Form zu ihr verhalten. Sie ängstigt sich, tröstet sich jedoch auch schnell wieder durch das Urvertrauen in ihre Familie. Sie spielt in den Wiesen der Täler, tastet, kostet und genießt; sie denkt nach und lässt Gedanken fallen, einige absichtlich, andere kommen ihr einfach abhanden, da die Aufmerksamkeit so rasch zu anderen Dingen gezogen wird.

Die Erzählung ist so ergreifend, dass ein schlimmes Ende gefürchtet wird und das Gefühl im Lesenden emporsteigt, sich das schreckliche Ende herbeigelesen zu haben, dass das Ende womöglich nicht schrecklich wäre, wenn man nicht die ganze Zeit schon Angst davor gehabt hätte. Und vielleicht würde das Ende gut werden, wenn man das Buch ein zweites Mal liest und diesmal nicht an ein trauriges Ende denkt? Doch Marlen Haushofer rettet uns mit einer Sicherheit, die wir so dringend, nachdem wir ein kleines Mädchen geworden sind, brauchen und auf die wir natürlich vertrauen dürfen.

Manchmal, wenn es draußen sonnig ist und die Luft nach nasser Wiese duftet, fühle ich mich an meine Sommerferien zur Volksschulzeit erinnert. Während man dieses Buch liest, fühlt man sich dauerhaft an seine Kinderzeit erinnert, oftmals so stark, dass einem schlecht wird.

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