Marlen Haushofer – Wir töten Stella – Zusatz

Analyse der Erzählung:

Erzählt wird in einer monologischen Ich-Erzählperspektive. Das bedeutet: es gibt eine Ich-Erzählerin, die aus ihrer Sicht beschreibt, was sie mitteilen will. Sie beginnt in der Gegenwart, berichtet aber auch von Vergangenem, die Erzählzeit wechselt daher zwischen Präsens und Präteritum.

Es gibt zwei Erzählstränge:

  • über Stellas Zeit in der Familie (in der Vergangenheit)
  • über einen kleinen Vogel vor dem Fenster (in der Gegenwart)

Die Geschichte beginnt in der Gegenwart mit „Ich…“. Das ich heißt Anna, ist aktuell alleine und hat zwei Tage Zeit über Stella zu schreiben.


Wie man an dieser Grafik gut sehen kann, endet die Novelle, wie sie beginnt: in der Gegenwart. Ebenso Stellas Tod ist unmittelbar danach bzw. davor. Innerhalb wechseln sich die Stella-Erzählteile mit den Wolfgang-Erzählteilen ab. Auch im „Bruch“ spielt Wolfgang eine wesentliche Rolle, obgleich er nicht körperlich anwesend ist.

Die Vogelszenen beschreiben einen kleinen Vogel, der auf der Linde im Garten vor dem Haus schreit. Anna vermutet, dass er aus dem Nest gefallen sei und nach der Mutter schreit. Diese kommt allerdings nicht. Am Ende ist nicht nur Stella tot, sondern auch der kleine Vogel ist verstummt. Dass Wolfgang dem Vogel geholfen hätte, zeigt auch am Ende seine Abwendung gegen die Mutter. Er möchte in ein Internat. Damit lässt er sie alleine. Die Trennung zu ihm ist die größte Strafe für sie. Aber auch sie hat nichts gegen Stellas Tod unternommen. Sie hat nur zugesehen, um die Bindung zu Wolfgang nicht zu gefährden. Letztendlich hat sie ihn aber doch (vielleicht gerade deswegen) verloren.

Stellas Entwicklung ist zu erst eine aufsteigende: Sie bekommt neue Kleider und blüht äußerlich auf. Sie geht aus (mit Richard) und scheint zu einer Frau zu reifen. Doch dann lässt Richard sie fallen und Stella verfällt. Sie wirkt verstört, zieht sich komplett zurück und läuft schließlich vor einen Lastwagen. Ob ihr Tod tatsächlich Absicht war wissen wir nicht. Anna und scheinbar die ganze Familie sind im Stillen fest davon überzeugt, obgleich es wie ein Unfall ausgesehen hat.

Wichtig zu erwähnen scheinen mir noch zwei Auffälligkeiten:

Zum Einen gibt es eine weitere Parallele zwischen dem Vogelerzählstrang und Stellas. Der kleine Vogel sitzt auf einer Linde, während er auf seinen Tod wartet. Als Anna im Krankenhaus auf die Bestätigung der Ärzte wartet, bemerkt sie im Raum eine Zimmerlinde. Die Linde kennzeichnet hiermit den zweiten Tod, gegen den Anna nichts unternommen hat.

Zum Anderen bemerken die LeserInnen auch an drei kurz geschilderten Träumen Annas den Verfall der Erzählung. Der erste Traum rechtfertigt erst lediglich ihre Bindung zu Wolfgang. Dessen Leben hatte sie (anscheinend als einziges) geschützt. Als er noch ein Baby war musste sie mit ihm des öfteren in den Keller flüchten, wenn es Bombenalarm gab. Diese Erfahrung verfolgt sie nun in ihren Träumen. Doch bald träumt sie, dass sie Kassandra (Wolfgangs Heldin, mehr dazu siehe gleich) auf offener Straße einen Stein nachwirft, bis sie in ihrem letzten beschriebenen Traum selbst verschüttet wird.

Der Traum:

Anna liest mit Wolfgang die Ilias und Wolfgangs Heldin ist Kassandra. Hier zeigt sich, in meinen Augen, deutlich, dass Wolfgang eine Frau sehen will, die nicht alles mit sich machen lässt und zu sich steht. Anna jedoch liegt fest in Richards Händen, ist in seinem goldenen Käfig eingesperrt und möchte sich gar nicht befreien. Sie glaubt an keine mögliche Freiheit. Kassandra gibt ihr Leben. Anna ist selbst dazu zu ängstlich. Sie klagt zwar selbst die tote Stella sei noch lebendiger als sie selbst, unternimmt aber dennoch nichts dagegen. Dass sie Kassandra in ihrem Traum mit Steinen bewirft, weil diese ihr eine Zukunft weissagt, die Anna nicht hören möchte, ist bezeichnend für ihr Unvermögen aus ihren Lebenszwängen auszusteigen und ebenso eine Botschaft der Abwendung Wolfgangs am Ende des Buches.

Analyse der ProtagonistInnen:

Das erzählende Ich – Anna – ist die Mutter der Familie. Ordnung ist ihr sehr wichtig. Sie liebt die Farbe blau, hat Angst und sieht keine Fluchtmöglichkeit. Kennzeichnend ist ihre ganz besondere Bildung zu Wolfgang, ihrem Sohn. Er ist das ältere Kind und sehr ruhig und besonnen. Anna wirkt teilweise auf ihn fixiert, ist sich dessen aber sehr wohl bewusst. Da ihre Beziehung zu Richard nicht unbeschwert ist, überkommt sie oft das Verlangen besonders zärtlich zu Wolfgang zu sein. Aber sie ist auch eine sehr kontrollierte Frau und hält sich zurück, da sie ihm nicht schaden will.

Richard wird als charmant und stark beschrieben. Er liebt alles, was sein Besitz ist und als seinen Besitz sieht er auch seine Familie. Aus diesem Grund würde er Anna auch nicht eintauschen, verlassen und auch nicht gehen lassen. Sie ist sein Eigentum. Er legt Wert darauf, dass alles so ist „wie es gehört“. Diese Ordnung braucht er, da es in seinem Inneren, aufgrund diverser Liebschaften, sehr ungeordnet zugeht.

Annette ist die Tochter, das jüngere Kind, als einziges nicht an den Geschehnissen beteiligt. Sie wird als das Ebenbild ihres Vaters beschrieben. Bereits ebenso berechnend und auf Gewinn aus. Sie ist jedoch noch so jung, dass es ihr niemand vorwirft.

Stella schließlich ist das arme Kind, das niemand haben will. Von ihrer Mutter nicht geliebt und immer bei Seite geschoben, kommt sie in eine Familie, in der sie nur als störend empfunden wird. Sie stört die Ordnung, die Ruhe zwischen Anna und Wolfgang, nur Annette geht auf sie zu und sie spielen anfangs hin und wieder gemeinsam. Nachdem Anna sich zu Beginn noch bemüht ein Verhältnis zu Stella aufzubauen und sie neu einkleidet (sie wird noch als groß, schön, aber ein wenig zu kräftig gebaut, scheu, gehemmt, still und unvorteilhaft braun gekleidet beschrieben), gibt sie nach einer Zeit auf und lebt ihren Alltag als wäre Stella nicht vorhanden. Stella nimmt all die Liebe, wo sie sie bekommt – dies ist ihr fataler Untergang. Richard entzieht ihr seine Liebe, wie er es immer tut, bei jenen, die nicht sein Eigentum sind, und Stella stürzt in eine Krise. In einem Haushalt, indem die Ehefrau offensichtlich wegsieht, der Ehemann das Herz gebrochen hat, der Sohn von den Tatsachen angewidert ist, gibt es nichts mehr was Stella am Leben hält.

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Marlen Haushofer – Wir töten Stella

Nachdem ich die Diplomarbeit einer Freundin Korrektur gelesen habe, in der sie auch über das Buch „Die Wand“ von Marlen Haushofer geschrieben hat, überkam mich das Verlangen wiedermal eine neue Autorin auszuprobieren. Ich bin dabei immer skeptisch, weil mich Bücher sehr oft enttäuschen und weniger oft begeistern. „Die Wand“ kannte ich aus einem Schulreferat, doch selbst gelesen habe ich es nie. Die gewählten Zitate in ihrer Diplomarbeit wirkten auf mich jedoch ungeheuer inspirierend; Inspiration ist ja etwas, was man immer gebrauchen kann, weshalb ich beschloss mir einige Bücher von Marlen Haushofer zuzulegen und ihnen eine Chance zu geben.

Gestern habe ich also, vor dem Schlafengehen – ganz klassisch -, mit „Wir töten Stella“ begonnen. Diese Novelle, mit ihren nicht mal hundert Seiten, wurde heute früh von mir zu Ende verschlungen und ich habe es nur deshalb gestern nicht mehr geschafft, weil mir vor Müdigkeit (nicht vor Langeweile) leider die Augen zu schwer wurden. Ich bin sehr froh, denn dieses Buch hat mich nicht enttäuscht.

Es handelt von einer Frau und Mutter in einer klassichen Familienkonstellation: Mutter, Vater, Tochter und Sohn. Der Vater bringt das Geld (nicht wenig) nach Hause, die Kinder sind brav und artig, doch die Mutter quält sich. Vor einiger Zeit haben sie die Tochter einer Freundin, die eigentlich keine Freundin ist, für ein Jahr in ihr Haus aufgenommen. Doch dieses Mädchen – Stella – stört.

Erzählt wird aus der Perspektive der Mutter, die ihr Verhältnis zum Mann und ihren Kindern offenlegt und sich als unfähig zeigt eine Beziehung zu Stella aufzubauen. Während man zu Beginn noch nicht recht weiß wieso es ihr so unglaublich schwer fällt, lässt sie nach und nach in ihrer Erzählung ihr Unvermögen erkennen sich gegen den Mann zu wehren, der ihr zwar keinen offengelegten Grund zur Wehr, jedoch durch subtile Machtausübung und Autoritätsausstrahlung ein Gefängnis aus Zuneigung und Wärme bietet, welches sie dankbar annimmt, obgleich ihr ihre Austauschbarkeit bewusst ist. Austauschbar ist vielleicht das falsche Wort, da sie sich sicher ist, er – Richard – wird sie niemals verlassen, aber dennoch weiß sie ebenso sicher, dass sie ihm nicht genug ist.

Im Endeffekt ist es allerdings kein „Wir“, das Stella getötet hat, sondern ein „Ich“: nämlich sie selbst, die schlicht und einfach bloß tatenlos aus dem Fenster sieht.

Fasziniert hat mich an diesem Buch, abgesehen von der Art, dem Stil, indem Marlen Haushofen schreibt und beschreibt, die Sicht einer Frau, aus solcher im Allgemeinen sehr selten berichtet wird. Es ist die Frau, die bei ihrem Mann bleibt und sich absichtlich quält, obwohl sie bereits erkannt hat, dass die Beziehung nicht das ist, was sie realistisch betrachtet sein könnte. Sie bleibt auch nicht wegen der Kinder bei ihm, sondern einfach, weil sie ihn nicht verlassen kann. Sie ist unfähig. Und diese Unfähigkeit, Machtlosigkeit über das eigenen Handeln, leben entgegengesetzt der Gedanken wird hier außerordentlich gut beschrieben. Man versteht diese Frau.

Es ist weder ein Liebesroman, noch ein Psychothriller. Es ist nicht einordenbar und das macht ein Buch für mich gelungen.